Erklärung der Jüdisch/Römisch-Katholischen Gesprächskommission gegen Terror und Gewalt

Was können wir tun?

Terrorismus und Gewalttätigkeit haben seit Herbst 2001 einen bisher unbekannten Grad erreicht. Angst macht sich breit. Wohin wird die entfesselte Gewalt die Welt führen? Wie können wir als Menschen jüdischen oder christlichen Glaubens in dieser Situation konkret zum Frieden beitragen? Wie werden wir unserer eigenen Verantwortung für Frieden und Versöhnung gerecht?
Es ist unbestreitbar, dass der Hang zur Gewalt auch eine geistige und religiöse Herausforderung für alle Menschen weltweit darstellt. So lautet auch für uns, Juden und Jüdinnen, Christen und Christinnen in der Schweiz, die Frage: Wie reagieren wir auf Terror und Gewalt?
Unsere Erklärung möchte helfen, hier in unserem Land konkret und praktisch eine Antwort zu finden.

Solidarität mit den Opfern, Leidenden und Trauernden

Zerstörung, Menschenverachtung und Mord sind keine Lösungen von Konflikten. Wir sind entsetzt über die steigende Anzahl von terroristischen Anschlägen und Gewalttaten während der letzten Monate in verschiedenen Teilen der Welt. Unsere Solidarität gilt den Opfern und ihren Angehörigen.
Mitgefühl ist geboten. Wir dürfen nicht gleichgültige Zeugen der Zerstörung werden. Gleichgültigkeit wäre ein schlimmes Versagen. Wir müssen den Mut haben, von uns selbst abzusehen und uns dem Leid der betroffenen Menschen auszusetzen und es nachzufühlen. Es gilt der wahren Natur zerstörerischer Gewalt ins Auge zu sehen, um gegen diese Versuchung gefeit zu sein. Gewalt darf niemals verharmlost oder gar verherrlicht werden.
Besorgt stellen wir fest, dass die Gewaltbereitschaft, schon unter Jugendlichen, auch in den westlichen Ländern zunimmt. Umso dringlicher ist es, zu verhindern, dass sie eskaliert und unkontrollierbar wird.

Welche Antwort auf Feindschaft?

Mit Entschiedenheit verurteilen wir alle Akte von Terror und Gewalt auf der Welt. Jede Gewalttat ist ein Angriff auf die Würde des Menschen, der nach Gottes Ebenbild geschaffen ist.
Der Schutz vor Terror und seine Abwehr sind eine gemeinsame Aufgabe aller Kulturen, Gesellschaften und Religionen. Deshalb ist hier das Engagement aller Religionsgemeinschaften, ungeachtet ihrer religiösen Unterschiede, gefordert. Als Kinder des Einen Gottes empören wir uns gegen die Zerstörung der Welt und treten gemeinsam ein für ihre Bewahrung.
Wie antworten wir auf die wachsende Gewalt? Angst und Hass wären natürliche Reaktionen.
Aber unsere jüdischen und christlichen Traditionen zeigen uns, zum Teil aufgrund einer langen geschichtlichen Erfahrung mit Gewalt, dass es bei solchen Reaktionen nicht bleiben darf, denn sie sind mehr Fluch als Segen. Der zerstörerischen Gewalt steht ihre schöpferische Überwindung gegenüber. Sie allein ist eine positive Alternative zur Zerstörungswut.

Aufbietung der Kräfte des Friedens

Ein erster Schritt in Richtung auf Frieden ist Besonnenheit und Vernunft. Wir sind aufgefordert, das Geschehene, seine Ursachen und Motive so tief zu verstehen wie nur möglich. Wir bedürfen der Einfühlungskraft, um die Vorstellungen irregeleiteter und verblendeter Menschen zu deuten. Unsere Empörung darf nicht zu Vorurteilen, zu kulturellen Fronten und religiösen Feindbildern führen. Eine globale Strategie der Bekämpfung von Terrorismus und Gewalttätigkeit muss langfristig deren politische, soziale und ideologische Ursachen abbauen.
Das hebräische Wort "Schalom" meint ein gerechtes und wohlgeordnetes Leben. Es bedeutet Friede, Versöhnung, Ganzheit, Harmonie, Begrüssung, Gastfreundschaft und Segen. Das Streben nach Frieden verlangt eine andauernde Anstrengung und verpflichtet unser ganzes Denken, unseren Glauben und unser Leben.
Auf diesem Weg zu gehen ist gerade in der Schweiz, wo im Grossen und Ganzen mehr Frieden herrscht als in vielen anderen Ländern der Erde, eine besondere Pflicht für Juden und Christen. Die Welt braucht ein geistiges Klima, in dem die Menschen atmen können. Dieses wird auch von uns mitbestimmt, im Sinne des Friedens wie des Unfriedens. Hier liegt ein Handlungsspielraum vor uns, dessen Bedeutung wir nicht unterschätzen dürfen. Wer unter uns an den Gott der Schrift glaubt, weiss, dass Er solche Bemühungen liebt und segnet: "Ich denke Gedanken des Friedens und nicht des Zorns" (Jeremia 29,11).