Prof. Alfred Donath, Präsident SIG

Unsere Zusammenkunft heute Abend steht unter zwei Daten:
Die Gemeinde von Basel, welche uns heute bei sich empfängt, feiert ihr zweihundertjähriges Bestehen.
Und wir begehen die 100. Delegiertenversammlung des SIG.

So viele Veränderungen haben diese zwei Jahrhunderte geprägt!

Die Gründung der Basler Gemeinde wird durch die gemeinsame Entscheidung einiger jüdischer Familien eingeleitet, einen Gebetssaal zu mieten und eine professionelle Person anzustellen, die die Religionsausübung sicherstellt und die rituelle Schlachtung der Tiere vornimmt. Sehr schnell aber muss man sich mit den Tücken des Alltags herumschlagen. Man muss sich gegen willkürliche Auflagen, vor allem gegen einseitige Beschlüsse der Behörden zur Wehr setzen, so gegen das Verbot jeglicher Kultusaktivitäten wie religiöse Zeremonien, Bestattungen, Hochzeiten; aber auch gegen die Abweisung neu ankommender Flüchtlinge an der Grenze, deren wirtschaftliche Mittel als ungenügend beurteilt werden.

Ein Jahrhundert später ist es das Verbot der rituellen Schlachtung, welches zur Gründung des SIG führt. 1902 folgen Schweizer Juden dem Ruf des Chaux-de-Fonniers Isaac Ditesheim. Sie versammeln sich in der Synagoge in Bern, um erstmals darüber zu entscheiden, wie sie auf diese Einschränkung der Religionsausübung durch die Verfassung reagieren sollen. Zwei Jahre später wird am 27. November in Baden der Gemeindebund gegründet.

Ich möchte Ihnen - da sie heute verjährt ist - eine eher anekdotische Begebenheit zur Schechita, der rituellen Schlachtung nicht vorenthalten. Als damals das Schächtverbot auf eidgenössischer Ebene eingeführt wurde, begab sich der Besitzer des 1884 entstandenen jüdischen Hotels in St. Moritz zu den Gemeindebehörden und kündigte an, dass er somit sein Hotel schliessen müsse. Denn es war zu jener Zeit nicht möglich, Koscherfleisch aus dem Ausland einzuführen – der Transport hätte zwei Tage gedauert, und das Tiefkühlen war noch unbekannt. Dem Verbot Berns zum Trotz, beschloss daraufhin der Gemeinderat von St. Moritz, dem Hotelier die Bewilligung zu erteilen, im gemeindeeigenen Schlachthof die Schlachtung nach jüdischem Ritus während vieler Jahre weiterhin durchführen zu können.

Auch heute bleibt die Versorgung mit Koscherfleisch eine der Hauptsorgen des SIG. Noch letzte Woche haben wir mit Bundesrat Joseph Deiss über dieses Thema gesprochen.

Aber wie sehr hat sich sonst die Stellung der Juden in der Gesellschaft nun verändert!

Nach den langen Religionskriegen zwischen Katholiken und Protestanten verzichtete die Schweiz - ohne deswegen ein laizistischer Staat zu werden - darauf, eine einzelne Religion zu bevorzugen. Sie anerkannte im Gegenteil die durch die Präsenz von Minoritäten gegebene Bereicherung. Heute sind die Juden als vollwertige Bürger anerkannt. Sie haben die gleichen Rechte und Pflichten wie ihre Mitbürger. Obwohl vor mehr als einem Jahrhundert initiiert, ist die Emanzipation der Juden erst in unseren Tagen wirklich erreicht worden. Wir sind heute vollständig integriert, ohne unsere Identität verlieren zu müssen. Diese Duplizität ist anerkannt und ihre Legitimität akzeptiert. Wir sind Juden und gleichzeitig Schweizer Bürger und Bürgerinnen. Alle Karrieremöglichkeiten stehen uns offen, sei es in der Politik, an den Universitäten, in der Wirtschaft und Industrie, in der Kunst, im Militär und sogar im Sport. Die Freiheit der Religionsausübung ist nicht nur gesetzlich garantiert, sondern wird auch praktiziert. Dank einer Übereinkunft mit der Schweizer Armee können auch wir unseren Militärdienst ohne Probleme leisten. Die Schweizer Juden können mittlerweile ihr Leben als Schweizer Bürger vollumfänglich führen und gleichzeitig ihre Unterschiedlichkeit wahrnehmen, wenn sie dies wünschen.

Gewiss sind wir glücklich darüber, in diesem Land zu leben, das das unsere ist. Und niemand kann verneinen, dass unsere Präsenz es auch bereichert. In einer Zeit, in der die Welt ihre Bezugspunkte verliert, in der ihre Werte verblassen, ist der Judaismus hier, um ihr diese Werte wieder in Erinnerung zu rufen:: die Begriffe der Gerechtigkeit und der Gleichheit, die Idee der Hoffnung, der Verantwortung und der Ethik. Aber auch das Bewusstsein um die Pflichten des Menschen, die genau so wichtig sind wie seine Rechte. Die Gemeinschaft der Juden war schon immer ein Barometer, ein Seismograph, eine Sicherung. "Kein Franzose kann in Sicherheit leben, solange ein Jude in Frankreich oder auf der Welt um sein Leben fürchten muss": Ähnliches sagte Jacques Chirac vergangenes Jahr. Aber diese Aussage ist viel älter. Sie geht auf das Jahr 1954 zurück, und sie stammt von Jean-Paul Sartre. Wenn die Juden bedroht sind, sind alle unsere moralischen Werte in Gefahr, oder sie werden es bald sein. Wenn es heute um diese Werte schlecht steht, müssen wir ihre Hüter und Garanten sein. So müssen wir den Dialog aufrecht erhalten, dürfen uns nicht auf uns selbst zurückziehen, sondern müssen uns öffnen. Wir müssen kommunizieren, den Dialog führen, teilen und geben. So verdienen wir uns unseren Platz in der Gesellschaft und können ihr unseren Dank dafür abstatten, dass sie uns akzeptiert hat. Der Leitgedanke, dem ich diese Ansprache widme, ist deshalb der Dialog.

Zuerst denke ich an den Dialog, den wir mit den Kirchen dieses Landes unterhalten. Sei es mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, der Schweizer Bischofskonferenz oder der Christkatholischen Kirche der Schweiz: Die Kontakte sind zahlreich und fruchtbar, ob sie nun im grossen Kreis oder bilateral stattfinden. – Wir führen auch unsere bilateralen Gespräche - . "Die Rolle der Erde in der jüdischen und christlichen Religion" und "Das Image des anderen" sind die zwei Themen, mit denen der SIG und seine Partner sich dieses Jahr beschäftigen und die zur gegenseitigen Annäherung beitragen. Indem sie den SIG-Präsidenten jedes Jahr einladen, anlässlich ihrer Synoden das Wort zu ergreifen, geben uns die Kirchen die Gelegenheit, unsere Verbindungen zu stärken, unsere Zusammenarbeit zu betonen und unsere Freundschaft zu vertiefen.

Dieses Jahr haben wir ebenfalls neu eine Kommission für den jüdisch-islamischen Dialog geschaffen. Das damit in einer ersten Phase verfolgte Ziel ist viel mehr das Ermöglichen der gegenseitigen Bekanntschaft und des Respektes als die Beschäftigung mit höheren theologischen Problemen. Es geht vor allem darum, miteinander zu sprechen, sich kennen zu lernen, indem man zum Beispiel gegenseitige Besuche in Synagogen und Moscheen organisiert.

Ein weiterer Schritt in diesem interreligiösen Dialog wird vermutlich bald genommen: Die Präsidenten der protestantischen Kirchgemeinden und der Schweizer Bischofskonferenz, der Bischof der Christkatholischen Kirche und die Präsidenten der Koordinationsstelle der Schweizer islamischen Gemeinden und des SIG haben sich im laufenden Jahr bereits verschiedentlich getroffen, um über die Schaffung eines "Schweizer Rats der Religionen" zu sprechen. Über dieses Thema habe ich mich auch ausführlich mit Bundesrat Pascal Couchepin unterhalten. Die Bundesbehörden sähen einen solchen Rat gerne entstehen, der in einer ersten Phase die abrahamitischen Religionen vereinen und zum Erhalt des Religionsfriedens in der Schweiz beitragen würde. Das Ziel wäre das gegenseitige Verständnis zu fördern, Vertrauen zwischen den religiösen Gemeinschaften zu schaffen, einen Dialog zur aktuellen religiösen Politik zu unterhalten und für die Behörden in allen diesbezüglichen Fragen zum direkten Ansprechpartner zu werden.

Jedoch nicht nur gegen aussen hat der SIG den Dialog intensiviert. Er hat auch mit grosser Befriedigung die Wiedergründung des Schweizer Rabbinerrates begrüsst, nachdem dieser während Dekaden fehlte. Er vereint die Rabbiner aller Schweizer Einheitsgemeinden und wird von Rabbiner Hervé Krief aus Lausanne präsidiert. Auch dieses Gremium ist ein Ort des Dialoges, der unsere eigenen religiösen Autoritäten einander annähert. Der SIG kann ihn für alle aktuellen Fragen konsultieren und wird nicht verfehlen, sich auf seine Kompetenzen abzustützen.

Ein weiterer wichtiger Dialog, der sich erneuert hat, ist derjenige mit den liberalen Gemeinden. Wir alle haben die Notwendigkeit verspürt, dass die Juden der Schweiz mit einer Stimme sprechen und auf Bundesebene als Gesamtheit sich vertreten sollten. Der durch die Nichtaufnahme der liberalen Gemeinden anlässlich der Delegiertenversammlung 2003 entstandene Aufruhr machte nach und nach eingehenderen Überlegungen Platz. Das Bewusstsein entstand, dass eine tief gehende Analyse durchgeführt und die dafür notwendige Zeit aufgebracht werden musste, statt überhastet unausgegorene Entscheidungen zu treffen. So beschloss die Geschäftsleitung, wieder ein Ressort "Beziehungen zu den Gemeinden" zu schaffen, wie es früher bereits existierte. Dies macht es möglich, den Puls der Mitgliedgemeinden zu fühlen und ihre Bedürfnisse und Erwartungen zu ergründen.

Allem voran aber entschlossen sich die liberalen Gemeinden in Genf und Zürich zur Schaffung einer gemeinsamen Struktur. Mit der "Plattform der liberalen jüdischen Gemeinden der Schweiz" ermöglichten sie das Zustandekommen einer Vereinbarung zwischen den beiden Dachverbänden. Eine solche hatte ich bereits anlässlich der Delegiertenversammlung in Bern 2003 angesprochen, und sie setzt die Beschlüsse der DV von 1992 in Biel in die Tat um: eine Zusammenarbeit in der politischen Vertretung der Juden auf nationaler Ebene, im Kampf gegen den Antisemitismus, in der Sicherheit und in Israelfragen. Eine Vereinbarung wurde in Zürich vor knapp einem Jahr feierlich unterzeichnet. Sie erlaubt die Beilegung einer Angelegenheit, welche die Atmosphäre innerhalb des SIG während Jahrzehnten vergiftet hatte. Wenn auch der Modus vivendi zwischen den beiden Verbänden noch in der Aufbauphase ist und die eine oder andere Schwachstelle Korrekturen erfordert, verlaufen doch die vereinbarten regelmässigen Sitzungen in einer positiven und konstruktiven Atmosphäre. Der Dialog ist fruchtbar, und das anvisierte Ziel wurde erreicht: Auf Bundesebene gibt es nun eine einheitliche Vertretung der Schweizer Juden, eine einzige Stimme, die im Namen aller spricht und somit alle befriedigt.

Dieser Dialog mit unseren Behörden erfreut sich wachsender Wichtigkeit und läuft in beiden Richtungen: Mal bitten wir um ein Gespräch, mal werden wir konsultiert und um unsere Meinung gefragt. Wenn also bis vor einigen Jahren ausser ein paar Eingeweihten niemand wusste, wer der SIG ist, dann ist er heute präsenter und gefragter denn je. So hat die Geschäftsleitung zum Beispiel im Lauf der letzten Monate fünf unserer sieben Bundesräte getroffen, einige sogar mehrmals. Und der sechste von ihnen gibt uns heute die Ehre, unter uns zu weilen. Lediglich Bundesrat Merz, unseren Finanzminister, haben wir nicht gesehen. Aber es ist ja bekannt, dass die Juden sich überhaupt nicht für Finanzen oder Geldprobleme interessieren!

Unsere Meinung ist aber auch regelmässig im Rahmen der Konsultationsverfahren gefragt, die den Debatten neuer Gesetze vorangehen, ob diese uns nun näher betreffen oder nicht. So auch bei Abstimmungen: der SIG hat auch unter anderem klar gegen die Verschärfung des Asylgesetzes Stellung genommen. Wir pflegen einen regelmässigem Dialog mit Parlamentariern, sowie auch mit den Führungsspitzen der nationalen Parteien. Der grösste Teil dieser politischen Aktivitäten findet im Stillen, fernab der Schlagzeilen und des Rampenlichts des öffentlichen Lebens, statt. Dieser diskrete Dialog ist deswegen jedoch nicht weniger wichtig oder wirksam.

Schwieriger gestaltet sich der Dialog mit dem Departement von Bundesrat Blocher. Die jüdische Gemeinschaft staunte nicht schlecht, als sie im Bericht zum Extremismus in der Schweiz eine Seite fand, die dem jüdischen Extremismus in der Schweiz gewidmet ist! Der Verband Jüdischer Studenten in Genf und der Sicherheitsdienst der Genfer Jüdischen Gemeinden wurden in diesem Bericht als gewalttätige Organisationen hingestellt. Solche Behauptungen sind schockierend, und Bundesrat Christoph Blocher erhielt daraufhin sehr klar formulierte Protestbriefe. Die folgenden Entschuldigungen der Bundespolizei und teilweisen Richtigstellungen des Berichts waren jedoch unbeholfen. Im Februar traf der SIG Bundesrat Blocher, der die gemachten Aussagen damit rechtfertigte, dass sie auf eine Einschätzung der Situation im Ausland basierten. Er anerkannte demgegenüber, dass es in der Schweiz unwahrscheinlich sei, dass die Juden - sogar im Falle von antisemitischen Attacken - das Gesetz in die eigenen Hände nehmen würden. Er bestätigte uns dies auch schriftlich. Trotzdem enthält der Bericht noch immer die Erwähnung der Gefahr eines möglichen jüdischen Extremismus in der Schweiz.

Schwierig entwickelt sich zur Zeit der Dialog mit dem Jüdischen Weltkongress. Ende April 2004 richtete der Präsident des SIG einen vertraulichen Brief an den WJC-Präsidenten Edgar Bronfman. In diesem bat er um eine Erklärung für die abrupte Schliessung des Genfer Büros, welches die Organisation seit ihrer Gründung 1936 unterhielt. Gleichzeitig verlangte er im Zusammenhang mit Gerüchten über finanzielle Unregelmässigkeiten und seltsame Geldverschiebungen, die ihm bekannt geworden waren, die Veranlassung einer unabhängigen und seriösen Buchprüfung. Es verging fast ein Jahr, bis der WJC endlich auf diese Forderung einging. Die Organisation entschloss sich dazu erst, als eine nie zuvor erlebte weltweite Pressekampagne lief, die sie selbst eingeleitet hatte und die sich letztlich gegen sie wendete. Der SIG als Mitglied des WJC musste darauf bestehen, dass diese Untersuchung durchgeführt würde. Denn sollten sich Unregelmässigkeiten ergeben, hätte man ihn beschuldigen können, diese gedeckt zu haben. Dies wiederum wäre für die Medien in der Schweiz ein wahrer Volltreffer gewesen, denn sie haben dem WJC sein aggressives Verhalten in der Angelegenheit der nachrichtenlosen Vermögen nie vergessen. Eine unabhängige Revisionsfirma prüft derzeit die Genfer Konten auf zehn Jahre zurück. Der SIG hatte alles unternommen, um diese Angelegenheit strikte vertraulich zu halten. Er bedauert, dass sie publik gemacht und dadurch das Ansehen des WJC beschädigt wurde, einer Institution, die im Laufe ihrer Existenz viele bemerkenswerte Ziele erreichte.

Eine brennende Synagoge in der Schweiz. Wer hätte sich vorstellen können, dass wir eines Tages eine solche Schlagzeile lesen müssten? Und trotzdem, vor nur zwei Monaten wurde die Synagoge in Lugano in Brand gesteckt. Welche hässliche Erinnerungen weckt ein solches Ereignis in uns, obwohl die Situation natürlich nicht mit derjenigen der 30er-Jahre verglichen werden kann! Die Behörden, die Kirchen und anderen religiösen Vereinigungen, mehrere politische Parteien und zahlreiche Privatpersonen reagierten sofort und signalisierten uns gleichzeitig ihre Empörung und ihre Sympathie. Die Demonstration, die in Lugano 2,500 Personen auf die Strasse brachte und bei der ich Gelegenheit zu einer Ansprache hatte, hat uns die Solidarität der Welt bewiesen, in der wir leben, und auch die klare Verurteilung eines solchen Verbrechens.

Die Ermittlungen haben gezeigt, dass es sich dabei vermutlich um eine isolierte Tat handelte, die Missetat einer Einzelperson. Es ist tröstlich zu wissen, dass dahinter offenbar keine Organisation steht, noch dafür die Verantwortung übernimmt. Aber ist es nicht erstaunlich, dass die Tessiner Behörden versichern, dass der Urheber dieser Untat, der gleichzeitig Feuer im Bekleidungsgeschäft eines jüdischen Eigentümers legte, nicht von antisemitischen Gefühlen getrieben wurde? Als Buschauffeur hatte er zuvor schon Mühe bei der Beförderung jüdischer Passagiere bekundet. Wenn er lediglich ein simpler, desorientierter Pyromane ist, so hat er doch weder die Eislaufhalle noch den Bahnhof oder irgend ein beliebiges Ladengeschäft in Lugano angezündet. Der latente Antisemitismus, wie er in unserem Land schon immer existiert hat, ist sicherlich zum Teil für das Klima mitverantwortlich, das ein psychisch labiles Individuum dazu verleiten kann, eher jüdische denn andere Ziele auszuwählen.

Diese Brandstiftung ist nicht der einzige antisemitische Vorfall, der in der Schweiz geschehen ist. Alleine die CICAD, mit welcher der SIG eng zusammenarbeitet, hat in einem einzigen Jahr in Genf deren 28 registriert. Zumeist handelte es sich um Schmierereien an jüdischen Gebäuden. Der letzte Vorfall jedoch, vor gut zwei Wochen, ging eine Dimension weiter: Die grosse Synagoge und die Gedenktafel für die Opfer der Shoa wurden mit Hakenkreuzen und hasserfüllten Inschriften besprayt, die von übelstem Antisemitismus zeugen. Zu anonymen oder unterzeichneten persönlichen Briefen und Beschimpfungen auf der Strasse gesellten sich dieses Jahr zusätzlich gewalttätige Übergriffe, deren Opfer oft Jugendliche sind. Auch haben verbale Entgleisungen von Lehrpersonen zugenommen. Ohne alarmierend zu sein, entwickelt sich die Lage doch Besorgnis erregend. Die Zusammenarbeit mit der Polizei, ob auf Bundes-, Kantons- oder Gemeindeebene, ist hervorragend. Unsere Behörden manifestieren jedes Mal ihre entschiedene Missbilligung und betonen ihren Willen, den latent vorhandenen Antisemitismus zu bekämpfen. Die Erziehungsprogramme zahlreicher Kantone schliessen den Unterricht zur Schoa und Aufklärung über rassistisches und antisemitisches Gedankengut mit ein. Dabei handelt es sich jedoch um langfristig wirksame Massnahmen, die noch intensiviert werden müssen.

Ein anderes Ereignis hat den Beginn dieses Jahres geprägt: Der sechzigste Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gab im Januar der ganzen Welt die Gelegenheit, zur Überzeugung zu stehen, dass die Schoa ein Verbrechen nicht nur gegen die Juden, sondern gegen die ganze Menschheit war. Unser Land hat seinen Teil an dieser Aufgabe, sich zu erinnern, wahrgenommen. Der Schweizer Bundespräsident war an der schlichten und würdigen Zeremonie in Auschwitz zugegen, die eine der bewegendsten und gefühlvollsten war, an der teilzunehmen mir je vergönnt war. Es war ein Dialog, in dem die Toten keine Antwort gaben, abgehalten in der Stille des grössten Friedhofs der Welt, auf dem man keinen einzigen Grabstein findet.

Auch ein anderer Dialog läuft nur in einer Richtung ab. Nach der Schweiz und jüngst auch Liechtenstein hat sich der SIG selbst mit seiner eigenen Vergangenheit während dem letzten Weltkrieg beschäftigt. Wir kommen gerade aus der Pressekonferenz zur bemerkenswerten Studie von Stefan Mächler, in welcher er die Rolle des SIG zwischen 1933 und 1945 analysiert hat. Ein SIG, verstrickt in einen zum Voraus verlorenen Kampf, ein SIG ohne jeglichen politischen Einfluss, schlecht vorbereitet, der mit bewundernswertem Mut und beschränkten Mitteln dennoch alles getan hat, um unseren Brüdern und Schwestern in Not zu helfen.

Und schliesslich zum wichtigsten Dialog, dem wir uns morgen noch reichlich widmen werden, demjenigen mit den Gemeindemitgliedern. Heutzutage ist das Internet das modernste und schnellste Kommunikationsmittel. Und derzeit wird vom SIG mindestens einmal im Monat ein ENewsletter an alle gesandt, die ihn empfangen wollen. Es genügt, sich beim SIG zu registrieren, um ihn zu erhalten. Viele benützen die Gelegenheit, um uns zu antworten, um zusätzliche Auskünfte zu erbitten oder uns ihre Kommentare zukommen zu lassen. Am Beginn des zweiten Jahrhunderts seiner Existenz hat sich der SIG erfolgreich in den elektronischen interaktiven Dialog eingebracht.

Beenden wir nun diesen kurzen Ausblick mit einem Hoffnungsschimmer: Die zweite Intifada, die auf beiden Seiten so viele Opfer verursacht hat, ist zu Ende. Der Dialog zwischen Israeli und Palästinensern ist wieder aufgenommen worden. Die Evakuierung von Gaza, so schmerzhaft sie für gewisse Betroffene sein mag, hat den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, überschritten. Nicht nur drängen sich die Touristen wieder in Israel , sondern auch die Politiker drängeln förmlich ins Land. Sogar Wladimir Putin war gerade dort. Mit Micheline Calmy-Rey und Samuel Schmid haben sich, ein einzigartiges Ereignis, gleich zwei Bundsräte dorthin begeben, und Pascal Couchepin wird als dritter im September nach Israel reisen. Mögen diese Signale der Entspannung möglichst rasch zum Abschluss eines gerechten und ausgewogenen Friedensabkommens führen, das eine neue Ära der Ruhe und Prosperität in Israel und im ganzen Nahen Osten einläuten wird!

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