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Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)
Eröffnungsfeier vom Mittwoch, den 4. Mai 2005 Eintragung ins "Goldene Buch" Laudatio von Bundesrat Moritz Leuenberger Ich bin schon öfters Götti gewesen und doch gibt es wesentliche Unterschiede zum heutigen Anlass. Auch der Taufakt verlief zumindest einmal viel komplizierter und brachte mich in schwere Gewissensnöte. Die Eltern des Täuflings und ich haben nicht bedacht, dass wir zwei verschiedenen denen Konfessionen angehören. Und so musste ich unvermutet dem Teufel abschwören. Dabei war ich ja bereits Politiker. Heikler war: ich musste auf die heilige Maria schwören. Das war für mich mit meiner sehr protestantischen Erziehung dann doch etwas stark. Ich murmelte erschrocken etwas Unverständliches und der Priester interpretierte das als lateinischen Schwur, weshalb der Taufakt dann doch zustande kam. Ich dachte mir überhaupt: So genau muss ich es ja nicht nehmen, es gibt ja sogar Juden, die lassen sich Energiepapst nennen,. Auch sagte ich mir, das jüngste Gericht ist sicher interreligiös zusammengesetzt. Und aus demselben Grunde glaube ich, aus der heutigen Patenschaft werde weder Michael Kohn noch mir etwas Nachteiliges geschehen. Ein Götti wünscht bei der Taufe normalerweise seinem Patenkind ein erfolgreiches, schönes und glückliches Leben. Wenn dies gelingt, sonnt er sich im Erfolge und denkt, er trage dafür eine Mitverantwortung. Heute ist es viel einfacher: Der Götti trug niemals Verantwortung und darf sich trotzdem im Erfolg des Göttikindes sonnen: Ich bin stolz auf mein interdisziplinäres Göttikind, das in Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Religion und Politik Zuhause ist. Meine Beziehungen mit Michael Kohn reichen weit zurück:
Ich tue das nicht gerne. Denn ich träume schon lange von einer Veranstaltung wie der heutigen, an der wir nicht über Antisemitismus sprechen würden. Ich träume schon lange von einer Veranstaltung wie der heutigen, wo wir gar nicht über unsere verschiedenen Religionen sprechen würden, und zwar deswegen nicht, weil das kein Problem, sondern eine völlige Selbstverständlichkeit wäre. Der Beweis wäre dann erbracht, wenn wir uns ganz offiziell Witze über unsere beiden Religionen erzählen würden. Unter vier Augen tun wir das und das ist doch schon ein Hoffnungszeichen. Aber offiziell wagen wir es nicht und das zeigt, es gibt noch viel zu tun. Es gibt noch viel zu tun. Das habe ich mir auch beim Anschlag im Kanton Tessin gedacht. Ich traute meinen Ohren nicht, als die ersten Stellungnahmen der dortigen Politik lauteten: "Das kann niemals ein Tessiner gewesen sein." Können wir diese Spontanreaktion vielleicht noch als naive, aber doch immerhin entrüstete Distanzierung von der Tat auffassen, so sind die späteren Erklärungen nicht mehr mit Naivität zu entschuldigen, nämlich der Täter sei geistig verwirrt und deswegen sei die Tat nicht antisemitisch gewesen. Erstens: Die Tat zielte auf jüdische Einrichtungen und deswegen ist sie antisemitisch. Begeht ein noch so geistig Verwirrter einen Diebstahl ist die Tat dennoch ein Diebstahl. Zweitens: Warum denn wohl wählt sich ein geistig Verwirrter jüdische Objekte für eine kriminelle Tat aus, wenn es keinen Antisemitismus gäbe? Wehren wir uns gegen Verdrängungen und verdrehte Interpretationen! Wir müssen die Dinge erst dann nicht mehr bei ihrem Namen nennen, wenn die Dinge verschwunden sind Wie verschwinden sie? Dadurch, dass wir sie ansprechen, aber auch dadurch, dass wir uns nicht nur auf sie fixieren, sondern all unsere öffentlichen Probleme miteinander angehen. Dazu ist die Politik von Michael Kohn beispielhaft. Er hat als einer der ersten in der Schweiz die heute berühmten "Runde Tische" gegründet und durchgeführt, Kompromisse gefunden. Er hat sich als Wirtschaftsmann nicht gescheut, mit dem WWF zusammen zu sitzen, die Zusammenarbeit mit Umweltorganisationen zu suchen, zwischen Kernkraftgegnern und Befürwortern zu vermitteln - das alles in der Energiepolitik, die ja ein eigentlicher Religionskriegsschauplatz ist. Vielleicht erhielt er deswegen den Namen Energiepapst. Einen analogen Flugverkehrspapst gab es leider nicht... Michael Kohn hat sich als Jude mit Nachdruck und letztlich auch mit Erfolg für Fairness gegenüber der Schweiz eingesetzt, als es um die Auseinandersetzung um nachrichtenlose Vermögen ging. Das haben Sie alle auch getan und ich möchte Ihnen, als Schweizerischer Bundesrat, dafür verbindlich danken. Michael Kohn ist ein Citoyen, ein Politiker, der sich in die öffentliche Diskussion einmischt, einbringt und dadurch vermittelt. Er hat den Dialog mit Protestanten und Katholiken gesucht und hergestellt und auch so eine Basis gelegt, dass wir dereinst Antisemitismus überwinden können. Michael Kohn ist ein selbstbewusster Jude, der aus seiner tribalen Herkunft nie einen Hehl macht. Vielleicht ist auch dies ein Mittel gegen Antisemitismus: Juden, die bezüglich ihrer Herkunft selbstbewusst auftreten und gerade deshalb auch das Selbstbewusstsein der Anderen und der Andersdenkenden zu würdigen wissen. Ich danke Ihnen, dass ich hier bei ihnen eine Taufrede halten durfte, ich danke Michael Kohn dass er mich zum Götti erwählte und dass er im Gegensatz zu meinen früheren Patenkindern während der Taufrede nicht schlief und auch nicht brüllte. Wahrlich, auf ein solches Göttikind bin ich stolz. |