Alfred Donath, SIG-Präsident

Die Politik des Gemeindebunds aus heutiger Sicht

Aus Sicht der betroffenen Institution ist es sinnvoll, aus dem Forschungsbericht von Stefan Mächler Erkenntnisse herauszudestillieren, die uns heute wesentlich scheinen. Wir machen dies im Bewusstsein, dass wir über das privilegierte Wissen der Nachgeborenen verfügen, das unsere Vorgänger bei ihrem alltäglichen Handeln nicht besitzen konnten.

Der SIG sah sich in den Jahren 1933-1945 mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert: Die jüdische Gleichberechtigung im Inland wurde durch die Schweizer Faschisten in Frage gestellt, fand aber in den einheimischen Behörden und Gerichten nur halbherzige Verteidiger. Die jüdischen Auslandschweizer waren den nationalsozialistischen Verfolgungen ausgesetzt, aber die helvetische Diplomatie setzte sich nur zögerlich für sie ein. Die ausländischen Glaubensgenossen im Machtbereich der Nazis befanden sich in einer entsetzlichen Not, der man fast tatenlos zusehen musste. Die jüdischen Flüchtlinge erhielten in der Schweiz nur schützendes Asyl, wenn die einheimischen Juden die enorme Aufgabe der Flüchtlingshilfe übernahmen. Und schliesslich musste das Schweizer Judentum bei einem Einmarsch der Deutschen mit der eigenen Vernichtung rechnen.

In dieser übermächtigen, von präzedenlosen Vorgängen bestimmten Situation befand sich der SIG eigentlich von Vornherein auf verlorenem Posten: Als Dachverband einer kleinen, isolierten Minderheit verfügte er über keinen politischen Einfluss. Seine Ressourcen waren personell wie materiell sehr beschränkt. Und von seinem Selbstverständnis und seinen Erfahrungen her war er auf die hochpolitischen Aufgaben, die ihm in atemberaubender Kadenz zufielen, wenig vorbereitet.

Angesichts dieser Ausgangslage erbrachten die jüdischen Verantwortlichen insgesamt eine beachtliche Leistung. Dies gilt vor allem für die Flüchtlingshilfe, die ihnen in all den fraglichen Jahren weitaus den grössten Einsatz abverlangte und die die Tätigkeit des Gemeindebunds und seines Hilfswerks VSIA beziehungsweise VSJF weitgehend dominierte. Die Bereitschaft des SIG, ab 1933 für die Fürsorge und Weiterbringung der Flüchtlinge die alleinige Verantwortung zu tragen, rettete Tausenden von Menschen das Leben. Der dafür zu bezahlende Preis war hoch: enorme eigene Finanzleistungen, der unermüdliche Einsatz von zahlreichen Freiwilligen - aber auch eine unvermeidliche eigenen Verstrickung in eine antisemitische Behördenpolitik.

Was die Hilfe für die jüdischen Schwestern und Brüder im NS-Bereich betraf, konnte der SIG angesichts des Krieges, der Machtverhältnisse, der ungeheuerlichen NS-Verbrechen und der fehlenden eigenen Ressourcen nur sehr wenig tun. Die Auslandshilfe wurde deshalb vor allem von lokalen Comités und von Privatpersonen getragen. Eine herausragende Rolle nahm dabei Unterstützung für die Juden aus Baden und der Saarpfalz ein, die im Oktober 1940 nach Südfrankreich deportiert worden waren, wo sie unter entsetzlichen Bedingungen in Lagern lebten. Auch diese Aktion entstand aufgrund privater Initiative, aber der SIG leistete wertvolle organisatorische und koordinierende Arbeit.

An dieser Stelle sei auf die generelle Hilfsbereitschaft der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz verwiesen: Stefan Mächler erwähnt in seiner Studie mehrfach, dass fast jeder jüdische Haushalt Flüchtlinge beherbergte oder Verwandte im Ausland unterstützte. Diese als Selbstverständlichkeit verstandene Solidarität kam zu den bereits erwähnten grossen Leistungen hinzu, die die einheimischen Juden durch Freiwilligenarbeit oder durch Spenden für die Flüchtlingshilfe des Gemeindebunds erbrachten. Auch viele jüdische Repräsentanten setzten sich jahrelang, teilweise Tag und Nacht, ehrenamtlich für die jüdische Hilfe ein und spendeten zusätzlich nicht selten beträchtliche Geldbeiträge.

Wir erinnern uns auch heute dankbar daran, dass es die amerikanisch-jüdischen und auch amerikanisch-christlichen Hilfswerke waren, die den verschiedenen schweizerischen Hilfsorganisationen seit 1938 massiv unter die Arme gegriffen haben, so gerade dem SIG und dem VSJF.

Bei der Auslandshilfe erlangte der SIG phasenweise internationale Bedeutung - allerding nicht durch seine eigene Tätigkeit, sondern durch den Umstand, dass sein Präsident Saly Mayer im Mai 1940 die ehrenamtliche Vertretung des Joint in der Schweiz übernahm. Dadurch wurde der SIG indirekt zur zentralen Relaisstation, über die das amerikanische Judentum den jüdischen Verfolgten im Einflussbereich der Nazis Hilfe brachte.

Für den Schutz der eigenen jüdischen Landsleute im Ausland konnte der SIG ebenfalls wenig tun - dies wäre auch alleinige Aufgabe der helvetischen Behörden gewesen. Immerhin konnte er dank hochkompetenter juristischer Unterstützung verhindern, dass sich die defätistische Haltung der eigenen Regierung gegenüber antisemitischen Entrechtungen im Ausland negative auf die jüdische Gleichberechtigung in der Schweiz auswirkte.

Ansonsten versuchte der SIG, seine Rechte im Inland vor allem dadurch zu verteidigen, dass er ab 1933 seine Abwehr des Antisemitismus stark intensivierte. Diese Bemühungen wurden laut Mächler allerdings durch eine defensive Ausrichtung dieser Aktion beeinträchtigt.

Nicht zuletzt in diesem Kampf gegen den Antisemitismus leistete auch die Jüdische Nachrichtenagentur (JUNA) wertvolle Aufklärungsarbeit, hauptsächlich, indem sie an die inländischen Zeitungsredaktionen regelmässig Informationsbulletins verschickte. Mangels Rückhalt durch die sehr zurückhaltend eingestellte SIG-Leitung, konnte die JUNA aber den vorhandenen Spielraum nicht ausschöpfen. Es bleibt allerdings fraglich, ob sie mit einer offensiven Strategie die Haltung der Schweizer Öffentlichkeit bezüglich der behördlichen Flüchtlingspolitik und der NS-Verfolgungen wesentlich hätte beeinflussen können. Die wichtigste nachteilige Wirkung dieser Zurückhaltung bestand vermutlich darin, dass die eigene jüdische Basis und potenzielle nichtjüdische Verbündete durch das Schweigen der SIG-Leitung stark verunsichert wurden.

Eine weitere Schwäche des Gemeindebunds war seine autokratische Führung und das Unvermögen, die kritischen internen Kräfte als Ressourcen zu integrieren. Dies behinderte die Organisation gerade in den dramatischen Jahren 1941 bis 1943 massiv.

Die enge Zusammenarbeit des SIG mit den Behörden kam schon damals unter Beschuss aus den eigenen Kreisen. Angesichts der politischen Entwicklung und der eigenen Machtlosigkeit gab es, wie Mächler darlegt, dazu aber nie eine Alternative. Analoges gilt für die Finanzierung der Flüchtlingshilfe aus eigenem Etat und vermutlich sogar für die Solidaritätssteuer. Eine kritischere Distanz zur Bundesverwaltung hätte der SIG-Leitung aber erlaubt, ihren Spielraum besser auszuschöpfen und die Abhängigkeit von den Behörden zu verringern, indem sie die demokratische Öffentlichkeit und potenzielle Verbündete einbezogen hätte.

Zwei Phänomene ziehen sich nach unserer Ansicht wie ein roter Faden durch Mächlers Darstellung: zum einen die Isolation eines ohnmächtigen Gemeindebunds in einer am jüdischen Schicksal desinteressierten Mehrheitsgesellschaft, zum anderen die Rechtlosigkeit seiner Schützlinge, die bei den Zuflucht Suchenden grenzenlose Dimensionen annahm. Für die Gegenwart und Zukunft lassen sich daraus zwei Lehren ziehen: Erstens wird das Schweizer Judentum immer auf nichtjüdische Partner und Verbündete und vor allem auf eine demokratische Öffentlichkeit angewiesen bleiben. Zweitens müssen wir uns alle, ob Jude oder Nichtjude, hellhörig jeglicher Versuche erwehren, die, etwa im Asylbereich, die verfassungsmässigen Grundrechte oder völkerrechtliche Verpflichtungen verletzen - zumal Letztere nicht zuletzt als Antwort auf die genozidalen Verbrechen der NS-Ära entwickelt worden sind. Dies ist erst recht geboten, wenn von solchen Entrechtungen Menschen bedroht sind, denen verbreitet Vorurteile entgegenschlagen und für die sich keine lautstarke und mächtige Lobby einsetzt.

Abschliessend bleibt mir die angenehme Pflicht, allen am Projekt Beteiligten zu danken. Die gilt namentlich für den Fachbeirat, für Gabrielle Rosenstein von der Geschäftsleitung, für Pia Graf vom SIG-Sekretariat und für den Chronos-Verlag. Der grösste Dank gilt natürlich dem Autor Stefan Mächler für seine differenzierte und souveräne Arbeit, die uns wertvolle Einsichten in diese schmerzhafte Vergangenheit ermöglicht.

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