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Gabrielle Rosenstein, Mitglied der SIG-Geschäftsleitung, Kultur
Wir freuen uns, Ihnen das Werk "Hilfe und Ohnmacht. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die nationalsozialistische Verfolgung 1933-1945" präsentieren zu dürfen. Es erscheint als zehnter Band der SIG-Schriftenreihe zur "Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz", die neuerdings vom Chronos-Verlag in Zürich verlegt wird. Zu diesem nun abgeschlossenen Forschungsprojekt ergriff der Gemeindebund selbst die Initiative. Dazu haben ihn verschiedene Gründe veranlasst. Erstens entsprach ein solches Projekt den Anliegen der historischen Aufklärung über das Schweizer Judentum, wie wir sie mit unserer Schriftenreihe seit längerem verfolgen. Zweitens existierte zwar bereits Literatur, die auf die Politik des SIG in der NS-Zeit einging - schon Carl Ludwig tat dies ansatzweise in seinem Weissbuch von 1957 und dann, weit ausführlicher, Jacques Picard in seiner Dissertation "Die Schweiz und die Juden" von 1994. Es gab aber keine Forschung, die die damalige Politik des SIG und seines Hilfswerks ins Zentrum stellte und systematisch untersuchte. Drittens kursierten über die Haltung des Gemeindebunds gegenüber seinen verfolgten Glaubensgenossen ungeklärte Gerüchte, die bereits in der fraglichen Epoche selbst aufkamen und bis heute nie ganz verstummten, Gerüchte, die teilweise dem Schweizer Judentum selbst die Verantwortung für eine antisemitische Behördenpolitik aufbürden wollten. Dies waren die Hauptmotive, die den SIG dazu veranlassten, den freischaffenden Historiker Stefan Mächler mit einer unabhängigen Studie zu dieser Schlüsselperiode seiner Geschichte zu beauftragen. Abgedeckt werden sollten die Jahre 1933 bis 1962, also die Periode vom Machtantritt Hitlers in Deutschland bis zur Verabschiedung des Meldebeschlusses bezüglich "erbloser Vermögen“ durch das Schweizer Parlament. Im Verlauf der Recherche erwies sich jedoch, dass der Historiker eine enorme Fülle an erstmalig zugänglichen Materialien zu sichten hatte. Er erachtete es daher zu Recht als angemessen, sich angesichts der ihm zur Verfügung stehenden Zeit auf die Jahre bis zum Kriegsende zu beschränken. Der Vertrag zwischen Forscher und SIG wurde im Mai 2001 unterzeichnet. Sie fragen sich vielleicht, warum der SIG ein solches Projekt nicht bereits früher, etwa während der Auseinandersetzungen Mitte der neunziger Jahre zur Schweiz und dem Zweiten Weltkrieg, an die Hand genommen hat. Ein wesentlicher Hinderungsgrund war der Zustand der institutionellen Akten, die ungeordnet und kaum zugänglich in einem Keller ruhten. Sie sind erst heute im Archiv für Zeitgeschichte erschlossen und für die Forschung aufbereitet. Nicht verschwiegen werden soll, dass in der vorherigen Geschäftsleitung auch Skepsis darüber herrschte, ob man sich (als rein ehrenamtlich tätiges Gremium) eine zusätzliche anspruchsvolle und heikle Aufgabe aufladen soll, nachdem man durch die damaligen Weltkriegsdebatten schon ständig gefordert wurde. Die Publikation war ursprünglich bereits auf 2003 vorgesehen. Wenn Sie das fertige Werk studieren, werden Sie leicht verstehen, dass angesichts der Komplexität der Materie dieser ambitiöse Zeitplan revidiert werden musste. Dafür fiel das Ergebnis umso gehaltvoller aus. Da die nun abgeschlossene Untersuchung - im Unterschied zu den anderen Bänden unserer Schriftenreihe - aus einem Auftrag des SIG selbst hervorging, ernannte die Geschäftsleitung einen wissenschaftlichen Fachbeirat, der aus Dr. Regula Ludi, Prof. Thomas Maissen und Prof. Jacques Picard bestand und der allein für inhaltliche Aspekte zuständig war. Unsere Wahl fiel nicht zufällig auf diese Fachleute: Regula Ludi leitete für die Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg die Erstellung des Berichts über die Flüchtlingspolitik, der in Mächlers Arbeit ein zentraler Stellenwert zukommt. Anschliessend forschte sie bei Prof. Saul Friedländer an der University of California in Los Angeles und heute ist sie am US Holocaust Memorial Museum in Washington DC tätig. Jacques Picard, der heute an der Universität Basel dem Institut für Jüdische Studien vorsteht, amtierte in ebendieser Kommission als Mitglied und Forschungsleiter. Überdies gehört er seit seiner bereits erwähnten Dissertation zu den besten Kennern der Materie, die hier zu untersuchen war. Thomas Maissen hat heute an der Universität Heidelberg eine Professur für Neuere Geschichte inne. Bekanntlich hat er eben erst "Verweigerte Erinnerung“ veröffentlicht, eine vergangenheitspolitische Studie zur Debatte um den Zweiten Weltkrieg und die nachrichtenlosen Vermögen. - Wie Sie sehen, ein hochkarätiger Fachbeirat. Seine Einrichtung garantierte Stefan Mächler die notwendige Unabhängigkeit bei seiner Forschung und ermöglichte dem Projekt eine fachlich fundierte, zielsichernde Begleitung. Was nun vorliegt, ist ein glänzend geschriebenes Werk, das sich trotz seines beträchtlichen Umfangs und der ernsthaften Thematik leicht und spannend liest, da es dem Autor gelingt, eine komplexe und dramatische Wirklichkeit einfach und übersichtlich darzustellen. Diese Wirkung erzielt er nicht zuletzt dadurch, dass er systematisch und sorgfältig die unterschiedlichen Perspektiven der Opfer, Täter und Bystander aufgreift, deren Erfahrungen und Sichtweisen aber zugleich übersteigt, indem er sie in die grösseren Zusammenhänge einbettet und unter unaufdringlicher Verwendung von Theorien analysiert. Es ergibt sich so ein Bild, das die gelebte und erlittene historische Erfahrung bewegend veranschaulicht und nachvollziehbar macht - ohne es aber dabei bewenden zu lassen: Sichtbar werden in den konkreten Ereignissen vielmehr grundlegende Strukturen und Mechanismen, die teilweise wiederum auf langfristigen historischen Entwicklungen und langjährigen Traditionen basierten. Es entstand so eine Monographie, die über die Geschichte des Gemeindebunds und über die Geschichte der Schweiz hinausweist: Einmal ist es eine Fallstudie, die exemplarisch darlegt, wie eine kleine Minderheit in einer ablehnend gesinnten Gesellschaft mit extremen Herausforderungen umging. Dann ist es eine umfassende Analyse der Politik einer jüdischen Gemeinschaft im freien Europa zur Zeit des Nationalsozialismus. Beispielhaft lässt sie etwa nachvollziehen, wie die leitenden Schweizer Juden die NS-Verbrechen von 1933-1945 wahrnahmen, wie sie weltweit zu den ersten informierten Personen gehörten und welche enormen, aber verständlichen Schwierigkeiten sie hatten, diese Ungeheuerlichkeiten zu begreifen. Bezogen auf die Schweizer Flüchtlingspolitik bietet Mächler unter anderem den ersten Forschungsbeitrag, der systematisch die Vorgänge untersucht, die zum behördlichen Entscheid der antisemitischen Rückweisungspolitik in den Jahren 1942-1944 führten und deren praktische Durchführung ermöglichten. Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass die vorliegende Studie an der Universität Basel als Dissertation eingereicht wurde. Der Autor wird nun selbst ausgewählte Ergebnisse seiner Arbeit vorstellen. Anschliessend zieht Prof. Alfred Donath ein Fazit aus Sicht des SIG-Präsidenten. |